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Zentrum für Gender und Diversität

Ein bisschen was zu Gender und IT

Das Thema Gender und IT begleitet mich nun wohl schon viele Jahre – Zeit wieder einmal einen Blick auf die (nahe) Vergangenheit und den Status Quo zu werfen:

Der feministische Diskurs in der Technologie hat sich einerseits mit dem Ungleichgewicht von Männern und Frauen in diesem Feld auseinandergesetzt und andererseits ab den 1980er Jahren auch mit den genderspezifischen Einschreibungen von Technologien an sich. Auf beide Diskussionsstränge wie auch auf aktuellere – konstruktivistische – Ansätze wird in der Folge eingegangen werden.

„The taken-for-granted association of men and machines is the result of the historical and cultural construction of gender (Wajcman, 2010: 144). Die Verbindung von Technologie und Männlichkeit in der westlichen Gesellschaft nimmt ihren Ausgangspunkt am Ende des 19ten Jahrhunderts und ergibt sich aus der Herausbildung des Ingenieurwesens als eine Profession weißer Männer. Diesem Berufsbild ist ein Ideal von Männlichkeit inhärent, das geprägt ist von körperlicher Stärke und individueller Leistungsfähigkeit. Dem gegenüber steht eine Interpretation von Weiblichkeit als inkompatibel mit technologischen Anforderungen (Wajcman 2010). Eineinhalb Jahrhunderte später stehen wir davor, dass die Verbindung von Technologie und Männlichkeit besonders in der westlichen Welt immer noch als gegeben angesehen wird. Der Zugang zur Technologie bedeutet für Frauen einen Anpassungsprozess an eine männliche Technikkultur, was neben einer Reihe anderer Faktoren, die bereits im Schulalter ansetzten (z.B. Miliszewska/Moore 2010; Sainz 2011; Sainz/Palmen/Garcia-Cuesta 2012; Sanders 2005; Schwarze 2010) eine der wesentlichen Barrieren dafür darstellt, das Geschlechterverhältnis in der IT auf ein vergleichbares Niveau zu bringen.

Denn während Frauen in Europa über 59 % der tertiären Abschlüsse verfügen, und 45,7 % der Arbeitnehmer_innen ausmachen, sind sie im IT-Sektor mit 33 % der Abschlüsse und 32 % der Arbeitnehmer_innen unterrepräsentiert. Darüber hinaus verschlechtern sich diese Zahlen mit dem Alter von Frauen in einem hohen Maß: 20 % der Frauen unter 30 Jahren mit einem IT -Abschluss (zumindest Bachelor) arbeiten in der Branche, über 45 Jahren sind es nur mehr 9 % (Commission, 2013). Das wiederum heißt, dass Frauen im hohen Maße aus technologischen Entwicklungsprozessen ausgeschlossen sind, die die Welt von morgen bestimmen.

In den 1980er Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich der Blickwinkel vom Zugang von Frauen zur Technologie in Richtung einer Sichtweise von Technologie als kulturell konstruiert entwickelt. So stieß das Konzept der sozialen Konstruktion von Technologie (Pinch/Bijker 1984) in der Gender- und Technologiedebatte auf breite Zustimmung. Dabei wird davonausgegangen, dass die Art und Weise, wie Technologie verwendet wird, nicht ohne den sozialen Kontext, in den sie eingebettet ist, verstanden werden kann. Technologie wird nicht als neutral beziehungsweise wertfrei angesehen, vielmehr wird argumentiert, dass soziale Beziehungen in Technik und Werkzeugen „eingeschrieben“ sind, dass sich die Geschlechterverhältnisse in der Technologie materialisieren. Technologien spiegeln auf diese Weise die Geschlechterteilung beziehungsweise Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen wider. In den späten 1980er Jahren begann sich diese Sichtweise zu verändern und es wurde Entwicklungen der Geschlechterforschung Rechnung getragen, die Gender in Verbindung mit anderen (Macht)Faktoren wie Ethnie, sexueller Orientierung oder sozialer Schicht brachten (Wajcman 2010).

Bahnbrechend für eine andere, positivere, Sichtweise des Verständnisses von Gender und Technologie, die sich insbesondere der Betrachtung von Frauen als Opfer der gesellschaftlichen Gegebenheiten entgegenstellte, waren die Arbeiten von  Donna Haraway (1991) die in ihrem „Cyborg Manifesto“ dazu ermutigt, das positive Potential von Technologien wahrzunehmen. Im Besonderen wird hier auf die Möglichkeiten hingewiesen, die neue Technologien für die Exploration von oder das Experimentieren mit anderen, bislang nicht erprobten Aspekten des Selbst bieten kann (Turkle 1995). Die Verknüpfung zwischen diesen Ansichten und den vorher präsentierten Überlegungen bietet Judy Wajcman an: “To move forward, we need to understand that technology as such is neither inherently patriachal nor unambigously liberating“ (Wajcman 2010: 148).

Judy Wajcman (2004) entwirft  in ihrer technofeministischen Theorie ein Bild der Technologie, das ebenso  die Ursache wie auch die Konsequenz der Geschlechterverhältnisse abbildet: Der Ansatz steht für die in den letzten beiden Jahrzehnten entstandene Sichtweise, dass Gender und Technologie in einem wechselseitigen, flexiblen und formbaren Verhältnis zu einander stehen. Aktuelle konstruktivistische Ansätze sehen Technologie somit als ein soziotechnisches Produkt an, ein Netzwerk, das Artefakte, Menschen, Organisationen, kulturelle Bedeutungen und Wissen miteinander verbindet: „Doing gender“ (Gildemeister, 2010; West & Zimmermann, 1987) ist somit verbunden mit „the technology in the making“ (Wajcman 2010: 150). Technologische Veränderungen stellen so einen heterogen und nicht vorhersehbaren Prozess dar, durch den sich Technologie und Gesellschaft gegenseitig konstituieren. Dass sich die Geschlechterverhältnisse in diesen Netzwerken manifestieren, zeigt sich nicht zuletzt durch die systematische Abwesenheit von Frauen in der Technologie. Zentral ist daher zu betonen, dass diese Beziehung keineswegs unveränderbar ist und es weiter darum geht, Frauen in Designprozesse miteinzubeziehen (Wajcman 2010).

Damit setzt sich Cecile Crutzen (2013: 311) auseinander: „Durch die Anerkennung der Positionierung von Gender und Sozialem ist der Abstand zwischen Genderforschung und Informatik noch nicht überbrückt“. Während in der Informatik Abstraktionsprozesse von Teilen einer „Realität“ im Zentrum stehen und Ambiguität unerwünscht ist, zeichnet sich die Genderforschung dadurch aus, gerade Differenzen und Unterschiedlichkeiten ins Blickfeld zu nehmen. Eine Vorstellung der Informatik, die sich mehr auf formale Prozesse als auf Möglichkeiten der Miteinbeziehung des Sozialen bezieht, liefert die aktuelle Studie an deutschen Informatikstudierenden  „Weltbilder und Bilder der Informatik“, für die Britta Schinzel ausführt: „So bleibt die Informatik für viele ein formales Fach, eine Disziplin, die sich ausschließlich mit Logischem, einem `klaren Richtig oder Falsch` befasst und ganz und gar objektiv zu sein scheint“ (Schinzel, 2013a: 295) Leider herrscht auch immer noch  – wie so häufig im Alltagsleben (z.B. Abdul-Hussain 2012) – auch unter Informatikstudierenden ein durch Stereotype und differenztheoretische Ansätze gekennzeichnetes Verständnis von Gender vor (Schinzel, 2013b).

Obgleich keine leichte Aufgabe, gibt es aber sehr wohl Ansätze, den Unterschiedlichkeiten der beiden Disziplinen zu begegnen. Wie bereits in der Einleitung angedeutet, beschreibt Cecile Crutzen (2013) partizipatives Design in Entwurfsprozessen als eine Möglichkeit, über die sich die Genderforschung mit der Informatik verständigen kann – so unterschiedlich deren epistemologische Voraussetzungen auch sein mögen. Durch die Miteinbeziehung der zukünftigen Nutzer_innen soll der in  Entwurfsprozessen häufig eingesetzten  „I-Methodology“ (vgl. auch Schinzel 2013b), bei der davon ausgegangen wird, als Entwickler_in repräsentativ für die geplante Nutzer_innen_gruppe zu sein und eigene Denkweisen und Werte  als  universell angesehen werden, begegnet werden.

Mit dem „Gender Extended Research and Development-Modell“ (GERD) wählen Claude Draude, Kamila Wajda und Susanne Maaß (2014) einen anderen – umfassenderen – Zugang, um Gender und Diversität in die Informatik zu bringen. Die Autorinnen stellen einen Ansatz vor, der es jederzeit ermöglichen soll, Gender- und Diversity-Aspekte in Forschung und Entwicklung mitzudenken und einzubinden. Dafür definieren sie in einem ersten Schritt Basisprozesse der Informatik von den Anstößen für ein Forschungs- oder Entwicklungsprojekt über die Vorhabensdefinition, die Analyse, Modell-Konzeptbildung bis hin zur Realisierung, Evaluation und auch Dissemination. Für diese Basisprozesse definieren sie Reflexionsbereiche, die sich an den Gender- und Diversity-Studies  orientieren und als besonders relevant für die Informatik erachtet werden: Das sind Fragen danach, was die Relevanz des Forschungs- oder Entwicklungsvorhabens ausmacht,  welche Personengruppen einen Nutzen daraus ziehen können, Fragen danach, woher das Wissen kommt, welche Werte der Forschungs- oder Entwicklungsarbeit zugrunde liegen, wie sich die Machtverhältnisse gestalten,  welches Menschenbild zugrunde liegt, wie mit Sprache umgegangen wird und wie sich die Arbeitskultur darstellt. Für jeden Basisprozess wird ein Katalog von Fragen für die   Reflexionsbereiche angeboten.  Mit diesen Fragen wird der Informatik Genderwissen zugänglich gemacht und der Herausforderung begegnet, die Vielfalt der sozialen Welt, die Unterschiedlichkeiten von Lebensrealitäten und Kontexten, aber auch die Vielfalt von Wissen und Modellen auch in den Abstraktionsprozessen der informatischen Forschung und Entwicklung zu bewahren.

Verwendete Literatur

Abdul-Hussain, S. (2012). Genderkompetenz in Supervision und Coaching. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwissenschaften.

Commission, E. (2013). Women Active in the ICT Sector. Retrieved from http://bookshop.europa.eu/en/women-active-in-the-ict-sector-pbKK0113432/?CatalogCategoryID=CXoKABst5TsAAAEjepEY4e5L [20.10.2013]

Crutzen, C. M. (2013). Nicht-menschlich ist auch Gender. Informatik_Spektrum, 36(3), 309–218.

Draude, C., Wajda, K., & Maaß, S. (2014). GERD- Ein Vorgehensmodell zur Integration von Gender/Diversity in die Informatik. In A. Zeisig, C. Draude, H. Schelhowe, & S. Maaß (Eds.), Vielfalt der Informatik: Ein Beitrag zu Selbstverständnis und Außenwirkung (pp. 197–286). Bremen.

Gildemeister, R. (2010). Doing Gender: Soziale Praktiken der Geschlechtsunterscheidung. In R. Becker & B. Kortendieck (Eds.), Handbuch der Frauen und Geschlechterforschung (3rd ed., Vol. 35, pp. 137–145). Wiesbaden: VS Verlag.

Haraway, D. J. (1991). A Cyborg Manifesto. Science, Technology and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century. In D. J. Haraway (Ed.), Simians, Cyborgss and Women: The reinvention of nature. (pp. 149–181). New York: Routledge.

Miliszewska, I., & Moore, A. (2010). Encouraging Girls to Consider a Career in ICT: A Review of Strategies. Journal of Information Technology Education: Innovations in Practice, 9.

Pinch, T. J., & Bijker, W. E. (1984). The Social Construction of Facts and Artefacts: Or How the Sociology of Science and the Sociology of Technology Might Benefit Each Other. Social Studies of Science, 14.

Sainz, M. (2011). Factors which influence girls’ orientations to ICT subjects in schools. Evidence from Spain. International Journal of Science and Technology, 3(2). Retrieved from http://genderandset.open.ac.uk/index.php/genderandset/article/view/169/345

Sainz, M., Palmen, R., & Garcia-Cuesta, S. (2012). Parental and Secondary School Teachers’ Perceptions of ICT Professionals, Gender Differences and their Role in the Choice of Studies: Women in Science, Technology, Engineering, and Mathematics. Sex Roles, 66(3–4), 235–249.

Sanders, J. (2005). Gender and Technology: A Research Review. Retrieved from http://www.josanders.com/pdf/gendertech0705.pdf [3.1.2011].

Schinzel, B. (2013). Weltbilder und Bilder der Informatik. Informatik Spektrum, 36(3), 260–266.

Schwarze, B. (2010). Einflussfaktoren auf das Technikinteresse von Mädchen und jungen Frauen. In M. Matzner & I. Wyrobnik (Eds.), Handbuch Mädchen-Pädagogik (pp. 256–268). Weinheim und Basel: Beltz Verlag.

Turkle, S. (1995). Life on the Screen: Identity in the Age of the Internet. New York: Simon and Schuster.

Wajcman, J. (2004). TechnoFeminism. Cambridge: Polity Press.

Wajcman, J. (2010). Feminist theories of technology. Cambridge Journal of Economics, 34, 143–152.

West, C., & Zimmermann, D. H. (1987). Doing Gender. Gender and Society, 1(2), 125–151.

Zauchner, S., & Herber, E. (2011). Gender-Ist-Analyse zur IT Infrastruktur-Erhebnung an öffentllichen und privaten Schulen Österreichs (Schuljahr 2008/2009). Unveröffentllichter Forschungsbericht, Departmnet für Interaktive Medien und Bildungstechnologien, Donau-Universität- Krems.

 

 

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