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Zentrum für Gender und Diversität

Glossar

De/Konstruktivismus

In neueren Ansätzen der Geschlechterforschung wird Augenmerk auf die gesellschaftliche Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit gelegt. Dabei lassen sich zwei Hauptströmungen unterscheiden: Der soziale Konstruktivismus – das Doing Gender – und der postmoderne feministische Ansatz des Dekonstruktivismus. Wobei die eine Richtung davon ausgeht, dass diese Konstruktionen über Diskurse stattfinden und die andere durch Interaktionen. In beiden Ansätzen wird die Zweigeschlechtlichkeit nicht mehr als eine natürliche Vorgabe gesehen, sondern als der Effekt sozialen Handelns und sozialer Institutionalisierungs-Prozesse oder diskursiver Prozesse. Judith Butler z.B. (Butler, 1991, 2004) als wohl prominenteste Vertreterin des Dekonstruktivismus versteht nicht nur Gender, sondern auch das biologische Geschlecht („Sex“) als diskursive Konstruktion, die permanent performativ – das heißt im ständigen Zitieren von (Geschlechter-)Normen – hergestellt wird. Hier wird das Augenmerk also auf Prozesse gelegt, wie Geschlecht konstruiert wird. Dieses wird permanent über gesellschaftliche Diskurse hergestellt (Performanz).

Differenzansätze

Diese Perspektive hat sich ab den 80er Jahren des vorherigen Jahrhunderts entwickelt und behandelt die Frage nach den Differenzen zwischen den Geschlechtern. Sie fragt jedoch nicht nur nach Ungleichheiten, sondern fordert auch eine Umbewertung der Differenz ein. Weibliche Identität wird als etwas grundsätzlich Differentes zu Männlichkeit definiert. Weiblichkeit wird als eigenständiger positiver Gegenpol zu patriarchalen Definitionen dargestellt. Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden nicht nur auf biologische Ursachen zurückgeführt, sondern auch als Ergebnis der Auseinandersetzung mit der Umwelt betrachtet. Der Differenzansatz zeichnet sich dadurch aus, dass spezifische weibliche und männliche Wesensmerkmale – biologisch und sozial – als gegeben und unveränderlich angesehen werden

Kritisiert wird an Differenzansätzen,  dass durch den Versuch „weibliche Qualitäten“ aufzuwerten stereotype Vorstellungen über Frauen und ihre Eignung für bestimmte Tätigkeiten verfestigt werden. Weiters besteht die Gefahr, dass diese Unterschiede zum Nachteil von Frauen ausgelegt werden, wenn beispielsweise biologistisch natürliche  Unterschiede als Begründung für die Arbeitsaufteilung in Familien herangezogen werden. Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich auf die Annahme, alle Frauen oder Männer würden allein aufgrund ihres Geschlechts einer homogenen Gruppe entsprechen. Das Gegenteil ist der Fall: Hagemann-White hat die Untersuchungen der 1970er und 1980er Jahre zu Geschlechterunterschieden“ einer  Analyse unterzogen. In ihren Studien zeigt sie auf, dass der größte Teil der empirischen gefundenen Unterschiede zwischen den Genusgruppen kleiner ist als die Unterschiede innerhalb der Genusgruppen

Diversity

Der Begriff Diversität oder Diversity meint Verschiedenheit, Vielfalt oder Heterogenität. Durch die Einbeziehung von Diversity werden Differenzlinien und gesellschaftliche Regulativa, über die der Status von Menschen bestimmt wird, reflektiert und berücksichtigt. Diese Differenzlinien verlaufen entlang verschiedener (sozialer) Kategorien, meist werden folgende unterschieden: Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, physische und psychische Fähigkeiten, Ethnie/Herkunft, Hautfarbe. Das Diversity-Rad („4 Layers of Diversity“) veranschaulicht die häufig in Organisationen relevante soziale Vielfalt. Es bildet die unterschiedlichsten Dimensionen auf personeller Ebene, auf Team- und auf Organisationsebene ab. Das Diversity-Rad dient als Orientierungshilfe für die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale der Gruppenzugehörigkeiten von Organisationsmitgliedern (Gardenswartz & Rowe, 2003).

Diversity Management

Diversity Management ist ein multidimensionaler Ansatz zur gezielten Wahrnehmung, Nutzung und Förderung von Vielfalt in sozialen Systemen wie Profit- und Nonprofit-Unternehmen, öffentlichen Organisationen sowie Gruppen und Teams. Ziel von Diversity Management ist es, durch die Förderung von Chancengleichheit und den kompetenten Umgang mit Vielfalt personelle Kompetenz und Ressourcen in Organisationen optimal zu nutzen. Beim Diversity Management liegt das Augenmerk auf der Heterogenität von Personen (z.B. Angestellten), die Individualität der/des Einzelnen soll zum Vorteil aller, vor allem des Unternehmens, genutzt werden und ihr wird somit ein hoher Stellenwert zugeschrieben. Ein wichtiger Gedanke beim Diversity Management ist die Integration von Minderheiten und das Herstellen von Chancengleichheit.

Doing Gender

Das Konzept des ‘Doing Gender’ wird als Synonym für die Sichtweise der sozialen Konstruktion – für das aktive Herstellen – von Geschlecht verstanden. Dieses Konzept besagt, dass die Zugehörigkeit zu einem der beiden Geschlechter von Individuen in einem permanenten, alltäglichen, interaktiven Prozess immer wieder neu hergestellt und gefestigt wird (Regine Gildemeister, 2008).

Gender

In den 70er Jahren wurde der englische Begriff Gender  im feministischen Sprachgebrauch als Analysekategorie aufgenommen, um die Unterscheidung zwischen dem biologischen und sozialen Geschlecht zu betonen: Unter Gender, dem sozialen Geschlecht, werden in Abgrenzung zum biologischen Geschlecht (engl. ‘sex’) gesellschaftliche bzw. kulturell bedingte Geschlechterrollen und Geschlechterverhältnisse verstanden. Es handelt sich dabei um allgemeine Vorstellungen und Erwartungen dahingehend, wie Frauen und Männer sind bzw. sein sollten. Das beinhaltet geschlechtliche Zuschreibungen von bestimmten Verhaltensweisen, Interessen, Kompetenzen, Einstellungen, etc. und auch die damit verbundenen Hierarchisierungen und sozialen Machtaspekte. Der Begriff bezeichnet alles, was in einer Kultur als typisch für ein bestimmtes Geschlecht angesehen wird.

Gender Bias

Gender Bias beutetet geschlechtsbezogener Verzerrungseffekt. Gemeint sind systematische Verzerrungseffekte, die Wissen und Wahrnehmung einträchtigen. Dies ist der Fall wenn Formulierungen, gedankliche Annahmen, Verhaltensweisen, Bewertungen durch Geschlechterrollen und Zuschreibungen beeinflusst sind. Ein Gender Bias kann gezielt oder unbeabsichtigt erfolgen (unconcious bias). Ein Beispiel dafür ist „Androzentrismus“, d.h Sichtweisen werden auf alle Menschen verallgemeinert, obwohl sie vorrangig Männer betreffen (wenn z.B. Medikamente ausschließlich an jungen Männern getestet werden). Ein weiterer Gender Bias ist „Geschlechterblindheit“, sie tritt dann auf, wenn das biologische oder soziale Geschlecht als Variable ignoriert wird (wenn z.B. nicht beachtet wird, dass Vereinbarkeit von Beruf & Familie Mütter und Väter auf unterschiedliche Weise betreffen). Schließlich sind noch „Geschlechterstereotype“ zu nennen, d.h. Männern und Frauen werden naturgegebene Charaktereigenschaften zugeschreiben und diese werden nicht als gesellschaftlich zugeschriebene Erwartungen an männliche und weibliche Geschlechterrollen begriffen (Z.B. Fürsorglichkeit von Frauen, Wettbewerbsorientiertheit von Männern).

Gender Budgeting

In Österreich kommt Gender Budgeting auf rechtlicher Ebene besondere Bedeutung zu: Im Rahmen der mit 1. Jänner 2009 in Kraft getretenen Verfassungsnovelle (BGBl. I Nr. 1/2009) kommt der Umsetzung von Gender Budgeting besondere Bedeutung zu. Im Art. 13 Abs. 3 B-VG wird als eine der Staatszielbestimmungen die Gleichstellung von Frauen und Männern definiert: „Bund, Länder und Gemeinden haben bei der Haushaltsführung die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern anzustreben.“ Damit wird das Ziel von Gender Budgeting in der Verfassung auf gleicher Ebene wie gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht und nachhaltig geordnete Haushalte (Art. 13 (2) B-VG) genannt.

Der Grundgedanke von Gender Budgeting besteht darin, die Verteilung aller Budgetmittel in Hinblick auf deren Auswirkung auf die Gleichstellung von Männern und Frauen zu analysieren und gegebenenfalls korrigierende Maßnahmen zu ergreifen. Es bedeutet eine genderbasierte Beurteilung von Budgets, die Einbeziehung einer Gender-Perspektive auf allen Budgetebenen und in der Folge die Umgestaltung von Einnahmen und Ausgaben im Hinblick auf eine Förderung der Geschlechtergleichstellung, d.h. einer geschlechtergerechten Haushaltspolitik.

Gendered Innovation

Der Begriff „Gendered Innovation“ wurde 2005 von der US-amerikanischen Wissenschaftlerin Londa Schiebinger geprägt. Das „Gendered Innovations Projekt“ entwickelt praktische Methoden für WissenschafterInnen die sich mit der Erforschung und Analyse von Sex und Gender befassen. Konkret stellt das Gendered Innovations Projekt zahlreiche Fallstudien zur Verfügung, die anschaulich illustrieren, wie die Analyse von Sex und Gender, wie die Einbeziehung dieser Kategorien in die wissenschaftliche Forschung zu technischen und naturwissenschaftlichen Innovationen führt.

Genderkompetenz

Genderkompetenz ist die Fähigkeit zu verstehen, wie die soziale Kategorie Geschlecht (Gender) gesellschaftliche Verhältnisse organisiert – Körper, Subjektivität und Beziehungsformen, aber auch Wissen, Institutionen sowie Organisationsweisen und Prozesse. Es ist also das Wissen, in Verhalten und Einstellungen von Frauen und Männern soziale Festlegungen im (privaten, beruflichen, universitären) Alltag zu erkennen. Doch Genderkompetenz nicht nur eine Fähigkeit, sondern auch eine Strategie um Veränderungen zu bewirken, es ist die Fähigkeit, das Wissen so im Alltagshandeln umzusetzen, dass beiden Geschlechtern neue und vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet werden. Damit setzt sich Genderkompetenz aus Wissen, Wissen, sozialer Kompetenz, Selbstreflexion, Handlungskompetenz und methodischer Kompetenz zusammen (Abdul-Hussain, 2014).

Gender Mainstreaming

„Gender Mainstreaming“ wurde als Begriff 1995 im Rahmen der 4. Weltfrauenkonferenz der UNO in Beijing entwickelt. Der Begriff wurde von der EU aufgenommen und im Amsterdamer Vertrag 1999 festgehalten: Aufgabe der EU-Gemeinschaft ist es, aktiv „Ungleichheiten zu beseitigen und die Gleichstellung von Männern und Frauen zu fördern“ (Art.2, Art.3, Abs.2). Der Amsterdamer Vertrag muss von allen EU-Mitgliedstaaten umgesetzt werden, wobei Staaten verpflichtet sind, über den Umsetzungsprozess auf EU-Ebene zu informieren. Nationale Rechtsgrundlagen fordern die Umsetzung von GM als Top-Down-Prinzip. Gender Mainstreaming ist eine Strategie der Gleichstellungspolitik und als Querschnittsaufgabe zu verstehen. Konkret ist die Entwicklung, Organisation und Evaluierung von allen Entscheidungsprozessen und Maßnahmen so zu betreiben, dass in jedem Bereich und auf allen Ebenen die Ausgangsbedingungen der Geschlechter und Auswirkungen auf die Geschlechter berücksichtigt werden, um auf das Ziel einer tatsächlichen Gleichstellung von Frauen und Männern hinwirken zu können. Die Umsetzung von Gender Mainstreaming erfolgt üblicherweise mittels der „4 R – Methode“, bei der Repräsentanzen, Ressourcen, Realitäten und Rechte von Frauen und Männern erstens analysiert werden, zweitens mit Zielsetzungen versehen werden, drittens werden dieses Ziele umgesetzt und viertens evaluiert.

Gender Pay Gap

Gender Pay Gap ist die Bezeichnung für den prozentuellen Unterschied zwischen den Einkommen von Frauen und Männern, üblicherweise gemessen an den Einkommen der Männer. Die Erwerbseinkommen der Frauen liegen deutlich unter denen ihrer männlichen Kollegen. Der „Equal Pay Day“ macht deutlich wie viele Tage Frauen zusätzlich arbeiten müssen, um jenen Betrag zu verdienen, den Männer bereits am Ende des Vorjahres verdient haben. In Österreich fällt er 2015 auf den 31. März.

Gleichstellung

Gleichstellung bedeutet die Angleichung der Geschlechter in allen Lebensbereichen, ggf. durch Bevorzugung des benachteiligten Geschlechts. Wenn heute von Gleichstellung gesprochen wird, dann ist meist ein Mix aus unterschiedlichen Chancengleichheitsansätzen gemeint: erstens Gleichbehandlung bzw. Antidiskriminierung, das sind meist gesetzliche Regelungen, die direkte Diskriminierung (vor allem bei Personalverfahren vermeiden sollen) vermeiden sollen (z.B. durch gesetzliche Quoten); zweitens Frauenförderung, also die Bevorzugung des benachteiligten Geschlechts durch Förderungsmaßnahmen  und drittens Gender Mainstreaming (siehe oben).

Gleichheitsansatz

Der  Beginn der Frauenforschung in den 60 und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ist mit dem Gleichheitsansatz assoziiert. Die gesellschaftlichen Bedingungen, vor allem in Form von Beschränkungen und Diskriminierungen, stehen hier im Zentrum der Kritik.  Die Vorstellung der Gleichheit von Männern und Frauen mit ihrer Forderung nach gleichen Rechten, gleicher Behandlung und gleichen Möglichkeiten, „gleiche Bedeutung haben“ und „gleich vorkommen“ ist zentraler Angelpunkt dieses Ansatzes. Dabei wird gesellschaftlich wahrnehmbare, beobachtbare Differenz dadurch erklärt, dass die gleiche Anteilnahme der Frauen an Gesellschaft, Politik und Wirtschaft durch Zugangsbeschränkungen, Beschränkungen der Handlungsmöglichkeiten und sonstige Verhinderungsstrategien erzeugt ist. Eine Aufhebung dieser Beschränkungen – welcher Art auch immer – führt zur Möglichkeit die Gleichheit zwischen Männern und Frauen herzustellen.  Am Gleichheitsansatz wird kritisiert, dass  Frauen Männern „gleich“ sein wollen und sich demnach an der männlichen Norm orientieren.

Intersektionalität

Intersektionalität ist mittlerweile ein sehr weit verbreiteter Begriff in der Geschlechterforschung und hat Einzug in viele Forschungsbereiche der Gender Studies gehalten. Unter Intersektionalität wird verstanden, dass soziale Kategorien wie Gender, Ethnizität, Nation oder Klasse nicht isoliert voneinander konzeptualisiert werden können, sondern in ihren ‚Verwobenheiten’ oder ‚Überkreuzungen’ (intersections) analysiert werden müssen. Die Intersektionstheorien gehen davon aus, dass additive Perspektiven überwunden werden sollen, indem der Fokus auf das gleichzeitige Zusammenwirken von sozialen Ungleichheiten gelegt wird. Diskriminierungen werden damit nicht eindimensional, sondern immer als Verwobenheiten mehrerer sozialer Kategorien begriffen.

Undoing Gender

Geschlecht ist aber nicht unveränderlich, sondern kann rekonstruiert und damit dekonstruiert werden, was unter dem Begriff `Undoing Gender´ zusammengefasst wird. Hier geht es darum, das Verlernen von Geschlechterstereotypen als eine Chance wahrzunehmen, vielfältige geschlechtliche Existenz- und Lebensweisen sowie Handlungsoptionen leben oder ausführen zu können.