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Zentrum für Gender und Diversität

Was kommt nach der Geschlechterforschung?

Intersektionalität bezeichnet eine Reihe von theoretischen Ansätzen, die das Wechselverhältnis von Geschlecht und anderen sozialen Ungleichheiten im Blick haben. Im Anschluss an den Dekonstruktionsdiskurs wird Intersektionalität als ein neues Schlüsselkonzept gehandelt, das sich von  Begriffen wie Diversity oder Heterogenität insofern abhebt, als ausschließlich die Analyse von sozialen Ungleichheiten bzw. Machtverhältnissen im Zentrum steht und eine additive Summierung einzelner Diskriminierungskategorien zugunsten der Analyse von Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Kategorien abgelehnt wird.

Katharina Walgenbach (2012) definiert den Begriff wie folgt:

Unter Intersektionalität wird (…) verstanden, dass soziale Kategorien wie Gender, Ethnizität, Nation oder Klasse nicht isoliert voneinander konzeptualisiert werden können, sondern in ihren ‚Verwobenheiten’ oder ‚Überkreuzungen’ (intersections) analysiert werden müssen. Additive Perspektiven sollen überwunden werden, indem der Fokus auf das gleichzeitige Zusammenwirken von sozialen Ungleichheiten gelegt wird. Es geht demnach nicht allein um die Berücksichtigung mehrerer sozialer Kategorien, sondern ebenfalls um die Analyse ihrer Wechselwirkungen.“

Entwickelt wurde der Begriff bereits 1987 von der afroamerikanischen Juristin Kimberlé Crenshaw, die die Metapher einer Straßenkreuzung (intersection) wählte, um verschiedene Ursachen für Ungleichheiten und Diskriminierungen zu verdeutlichen. Kommt es zu einem Unfall, können Diskriminierungen aus einer Richtung kommen, oder aber auch aus allen Richtungen gleichzeitig. So können beispielsweise Diskriminierungserfahrungen schwarzer Frauen gleich oder unterschiedlich zu Diskriminierungserfahrungen von weißen Frauen oder schwarzen Männern sein (Walgenbach, 2012). Größeren Alltagsbezug bzw. auch hohe Aktualität haben in diesem Kontext bei uns Diskriminierungen, die an Flüchtlinge gerichtet sind und die  gleiche aber auch eine Reihe anderer Aspekte umfassen können als Diskriminierungen von Österreicherinnen.

Das Konzept der Intersektionalität – sei es nun ein/das neue/s Paradigma der Geschlechterforschung oder nicht –  wird die Forschung jedenfalls weiter beschäftigen, denn wie Gudrun-Axeli Knapp (2008; S. 47; zit. nach Ilse Lenz, 2010; S. 164) feststellt, besteht in der Geschlechterforschung der folgende Konsens:

„Sich auf die Strukturkategorie Geschlecht zu beschränken, ohne ihre Wechselwirkung mit anderen Achsen der Ungleichheit zu beachten, ist reduktionistisch und wird dem Theoriestand und der Empirie moderner Gesellschaften nicht gerecht. Auch deswegen sind Fragen der Vermittlung und der Wechselwirkung von Ungleichheiten vom Rand in den Brennpunkt der Geschlechterforschung gerückt.“

 

verwendete Literatur:

Knapp, G.-A. (2008). “Intersectionality” – ein neues Paradigma der Geschlechterforschung? In R. Casale & B. Rendtorff (Eds.), Was kommt nach der Genderforschung? Zur Zukunft feministischer Theoriebildung. Bielefeld: transcript Verlag.

Lenz, I. (2010). Intersektionalität: Zum Wechselverhältnis von Geschlecht und sozialer Ungleichheit. In R. Becker & B. Kortendieck (Eds.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung: Theorie, Methoden, Empirie (3rd ed., pp. 158–165). Wiesbaden: VS Verlag.

Walgenbach, K. (2012). Intersektionalität – eine Einführung. Retrieved from www.portal-intersektionalität.de [26.10.2015]

 

 

 

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